Arbeitsstelle Behinderung und Dritte Welt
Entwicklungspolitischer Freiwilligendienst "weltwärts" als
Praktikum in einem Land der Dritten Welt
Weltwärts ist ein entwicklungspolitischer Freiwilligendienst, der als Lern- und Hand-lungsdienst in entwicklungspolitisches Denken und Wahrnehmen einführen soll. Er ist vom BMZ eingerichtet und unterliegt den von dort formulierten Maßstäben. Diese treffen sich ziemlich genau mit denen für das Praktikum „Dritte Welt“ im Studium der Sonderpädagogik an unserem Institut. Ebenso wie bei „weltwärts“ der Freiwilligen-dienst ist im Schwerpunkt „Behinderung und Dritte Welt“ das Praktikum in einem Land der Dritten Welt mindestens sechs Monate. Bei weltwärts kann der Dienst bis zu zwei Jahren dauern. Bedingung für das Akzeptieren eines solchen Freiwilligen-dienstes als Praktikum in den verschiedenen Lehrämtern ist, dass die Studierenden an den üblichen Vor- und Nachbereitungsveranstaltungen für (sonder-) pädagogi-sche Praktika teilnehmen, den obligaten Praktikumsbericht schreiben und zusätzlich an den Ausbildungsstrukturen von „Behinderung und Dritte Welt“ teilnehmen.
1. (Ein)Ordnung von weltwärts als Praktikums
Dass das Praktikum in der Regel ein halbes Jahr sein soll, hängt mit den Erfahrun-gen zusammen, die wir gemacht haben. Wenn man/frau in einem Dritte-Welt-Land angekommen ist, dauert es etwa vier Wochen, „bis die Seele den Körper eingeholt hat“; danach geht es erst einmal auf Tauchstation, um das Feld zu beobachten; und die letzten vier Wochen freut man/frau sich schon auf das Heimkommen. Die er-wünschte personale Auseinandersetzung mit der Fremde, mit meiner anders inter-pretierten Rolle als Mann, als Frau, als Studierende/r, als EuropäerIn findet bei kür-zeren Aufenthalten nicht hinreichend oder nur begrenzt statt, so dass das Ganze nur unzureichend zu einer tief in der Persönlichkeit verankerten Erfahrung wird, vielmehr sich eher in Richtung sehr langer Urlaub entwickelt. Dies entspricht ganz der Intensi-on von weltwärts, junge Menschen für entwicklungspolitische Zusammenhänge zu sensibilisieren. Dass wir in der Regel lediglich für sechs Monate planen, hat mit den Bedingungen von Studium zu tun. Im Studium lässt sich leichter ein Semester für einen Auslandsaufenthalt einplanen als für einen längeren Zeitraum, z.B zwei Jahre.
| Abb. 1: Praktikum "Behinderung und Dritte Welt" |
| - Dauer mindestens sechs Monate |
| - Einjährige Vorbereitung (2 Semester) durch ein Seminar, insgesamt 15 Tage
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| - Arbeit in einer GO oder NGO in einem Land der Dritten Welt
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| - Leben unter den Menschen, z.B. in einer einheimischen Familie, Internat, Wohnung |
| - Begleitung durch das Projekt ( 5 Tage Begleitseminar, Mails, chatten)
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| - 5 Tage Nachbereitung und Bericht |
Der Prozess der personalen Auseinandersetzung und Entwicklung soll zusätzlich angereichert werden dadurch, dass die Studierenden mit den ErzieherInnen oder Kindern im Heim leben, sich eine Wohnung unter den Leuten vor Ort nehmen oder in einer einheimischen Familie leben, auf jeden Fall nicht im so häufig vorfindbaren Ex-pertInnenghetto. Dadurch sollen sie den Lebensalltag der Menschen kennen lernen, soweit uns das als EuropäerInnen überhaupt möglich ist; Wertorientierungen begrei-fen und so die Bedeutung von Behinderung und Behindertenhilfe angemessen ein-schätzen lernen. Die Studierenden sollen, auch wenn sie zu mehreren an einem Praktikumsort sind, möglichst als Einzelne unter und mit den Menschen leben, um eurozentrischen Rückzug zu erschweren. Die Entscheidung liegt bei den Studieren-den.
Die Arbeit in Einrichtungen von Regierungs-(GO's) oder Nichtregierungsorganisatio-nen (NGO's) soll während des halben Jahres regelmäßig und unentgeltlich stattfin-den. Angemessene Beteiligung an den Lebenshaltungskosten der Familien wird vor-ausgesetzt. Das BMZ leistet einen ganz erheblichen finanziellen Beitrag zum Dienst in weltwärts. Da die Lebenshaltungskosten in Ländern der Dritten Welt häufig deut-lich unter denen in Europa liegen, müssen die Studierenden diesen Differenzbetrag in anderer Weise investieren. Es soll auf jeden Fall eine „neokoloniale Kontosanie-rung“ vermieden werden. Möglichkeiten sind: Das Schulgeld für den Sekundar-Abschluß eines der Kinder der Familie übernehmen (besonders der Mädchen), Was-serzufuhr oder Stromanschluß für die Familie finanzieren, zur Entwicklung der Aus-stattung der Schule oder Einrichtung beitragen, etc. Welche Möglichkeit realisiert wird (sofern die Lebenshaltungskosten tatsächlich unter unseren in Europa liegen), entscheiden die Studierenden vor Ort. Damit ist und war der Drahtseilakt nicht be-standen, dass das zur Verfügung stellen von Geld die Entstehung von materiellen Erwartungshaltungen begünstigen kann. Insbesondere die Idee des Taschengeldes wird sich als Stolperstein für interkulturelle Kommunikation erweisen, wenn eine zehnköpfige Familie mit 100 € einen Monat leben kann.
Dieses Konzept der Mischung von beruflicher Erfahrung durch Arbeitspraxis in Ein-richtungen und der Selbsterfahrung im alltäglichen Lebenszusammenhang der Men-schen in Ländern der Dritten Welt ist schon früh entstanden aus Gesprächen zwi-schen Studierenden, Lehrenden und Freunden aus Ländern der Dritten Welt, insbe-sondere mit Dr. Mamadou Bah aus Mali, Dr. Mustapha Ouertani aus Tunesien und Rao Sriram aus Indien.
2. Pädagogisches Vor- und nachbereitungsseminar
Ein solches Konzept des Dienstes in weltwärts und als Praktikum erfordert eine ent-sprechende Konzeption der Vorbereitung/Begleitung und Nachbereitung. Dass trotz aller klaren Strukturierung der Dienst und das Praktikum immer wieder anders ver-läuft, versteht sich von selbst. Dadurch, dass wir uns nicht auf ein Land festgelegt haben, kommen auch immer wieder neue Anforderungen. Seit Oktober 1992, als die ersten Studierenden weggingen, bis heute waren, bzw. sind über 160 Studentinnen und Studenten weg. Die Länder, oft mehrfach besucht (z.B. waren bisher in Gambia 14, in Tansania 10 StudentInnen), waren/sind: Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Ecuador, Guatemala, Kolumbien, Mexiko, Nicaragua, Peru; Angola, Botswana, Gambia, Mali, Mauretanien, Namibia, Nigeria, Tansania, Tunesien; Indien, Nepal, Malaysia, Pakistan, Thailand.
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Abb. 2: Inhalte der Vorbereitung |
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- Organisatorische Fragestellungen |
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-Inhaltliche Fragestellungen von Behinderung, Entwicklung und Interkulturalität
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- Persönliche Auseinandersetzung
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- Erfahrungsberichte und Austausch mit Ehemaligen
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Sie werden vermittelt durch die Grundlagenliteratur, die im Einzel- oder Kleingrup-penstudium durchgearbeitet wird, durch entsprechende Inhaltspräsentation im Pro-jektplenum, durch Mitarbeit in Regionalgruppen, durch Mitarbeit an den Vorberei-tungswochenenden, durch Teilnahme an entsprechenden Fremdseminaren (z.B. Psychomotorik). Sprachliche Vorbereitung geschieht in den Sprachseminaren, die an unserer Universität angeboten werden. Dies sind: Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Niederländisch, Chinesisch, Russisch, Polnisch, Tschechisch, Serbokroa-tisch, Türkisch, Kurdisch, Swahili, Arabisch. Andere Sprachen/Regionalsprachen, wie z.B. Wolof oder Mandinka für Gambia, Bambara für Mali, Hindi oder Tamil für Indien, Urdu oder Paschtu für Pakistan, Quechua für Lateinamerika müssen entweder mit Hilfe der „Kauderwelsch-Sprachkurse“ oder mit Unterstützung von Menschen aus diesen Ländern, die bei uns leben, erworben werden.
Die Auseinandersetzung mit dem Fremden geschieht vor allem an den bisher sechs Vorbereitungswochenenden (jeweils Freitagmittag bis Sonntagnachmittag), je drei im Semester, an denen auch immer wieder erfahrene, ehemalige „Dritte Welt Fahrer“ teilnehmen, bzw. die Wochenenden verantwortlich gestalten. Wir haben in Oldenburg die Möglichkeit, in einem Gemeindehaus mehrere Räumlichkeiten nutzen zu können und so Lernen, Spielen, Kochen, Essen, Schlafen unter einem Dach zu haben, ohne dass sehr hohe Mietkosten entstehen. Zu den Gruppenerfahrungen kommen Einzel-gespräche mit Lehrenden oder anderen Personen des Vertrauens.
Die Nachbereitungsstruktur hat sich als Letztes entwickelt. Sie entstand aus der arti-kulierten Bedürfnislage der Studierenden nach ihrer Rückkehr. Zur Zeit besteht die Nachbereitung in zwei langen Wochenenden, auf denen die Erlebnisse ausge-tauscht, Bilder gezeigt, Essen gekocht, Kleider vorgeführt, Erfahrungen besprochen werden, etc.. Eine von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern eines Jahrganges hergestellte Praktikumszeitung soll der weiteren Bearbeitung der Erfahrungen dienen und den folgenden Gruppen Kenntnisse weitergeben. Abgeschlossen ist das Prakti-kum mit dem Praktikumsbericht, der sich mit den Berichten für weltwärts verbindet. Häufig entstehen aus dem Dienst Examens- oder Diplomarbeiten, die einen erneuten Besuch im Land erforderlich machen, so z.B. in Brasilien, Mauretanien Tansania und Thailand.
Der Bereich der Gesundheitsvorsorge/Tropenprophylaxe wird sehr ausführlich be-handelt. Wir haben dazu Unterlagen des Tropeninstitutes in Hamburg. Die Studie-renden erhalten von der Arbeitsstelle eine Bescheinigung über die Notwendigkeit der Prophylaxe, so dass die Krankenkassen in der Regel zahlen. Das BMZ plant, auch diese Unkosten zu überhemen. Für alle Studierenden wird eine Auslandskranken- und Krankenrückholversicherung etc. abgeschlossen.
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Abb. 3: Vorbereitungs-, Betreuungsstruktur für den Dienst weltwärts als Praktikum |
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| - Plenum des Projektes | |
| - Selbststudium | |
| - Regionalgruppen | |
| - 6 Vorbereitungswochenenden, zus. 15 Tage
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| - Fremdseminare | |
| - Persönliche Gespräche | |
| - Einzel-/Kleingruppenarbeit | |
| - Briefe - Werkstatt, Mail - Konferenzen, chatten etc.
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| - Sprachkurse an der Universität
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| - (selbst organisierte) regionale Treffen PraktikantInnen (z.B. Lateinamerikapraktikanten trafen sich in Nicaragua) insgesamt 5 Tage) |
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| - 2 Nachbereitungswochenenden, insgesamt 5 Tage
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3. Externe
Sehr früh entstand die Nachfrage nach dem Studienschwerpunkt durch Studierende anderer Hochschulen, bzw. Fach(hoch)schulen. Deshalb ist für externe Studierende, die am Studium des Schwerpunktes „Behinderung und Dritte Welt“ interessiert sind, ihn aber nicht an ihrer Universität oder Fachhochschule studieren können, weil die Strukturen der Prüfungs- und Studienordnung und auch der Betreuung fehlen, in Ol-denburg folgende Struktur organisiert:
| Abb. 4: Vorbereitungs-, Betreuungsstruktur für Externe |
| - Regionale Arbeitsgruppen
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| - Persönliche Gespräche |
| - Selbststudium |
| - Briefewerkstatt, Mail-Konferenzen, Chatten etc.
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| - Sprachkurse selbst organisiert |
| - 2 Nachbereitungswochenenden |
| - 6 Vorbereitungswochenenden |
Die Praktikumsdauer bleibt bei mindestens sechs Monaten. Der Einstieg in die Vor-bereitungsstruktur soll über das erste Vorbereitungswochenende (i.d.R. im Oktober) erfolgen. Regionale Studiengruppen, die zwischen den Wochenenden den Kontakt halten, sollen entstehen (vielleicht bilden sie ja auch den Kern eines neuen studenti-schen Projektes an anderen Universitäten?). Eigenstudium wird verstärkt. Der Kern der Vorbereitung für Externe sind also die Vorbereitungswochenenden, zu denen sie sich unbedingt bis Anfang Oktober anmelden sollten, damit das Vorbereitungsteam entsprechend planen kann.
4.2.2008
Gez. Peter M.Sehrbrock